REWE Group-Nachhaltigkeitsbericht 2015/2016
  • Tschüss Plastiktüte.
    Hallo Umwelt!

Im Juni 2016 verbannte REWE die Plastikeinkaufstüte aus den Märkten. Dass das nur der Anfang war, verdeutlicht das Engagement der gesamten Unternehmensgruppe: So verabschiedeten sich auch PENNY, die DER Touristik Reisebüros in Deutschland sowie BILLA, MERKUR, PENNY, BIPA und ADEG in Österreich ebenfalls von der Tüte. Weitere Maßnahmen, um Plastik zu vermeiden, laufen bereits.

Sie flattern durch die Landschaft, verfangen sich in Bäumen, Büschen und Sträuchern, liegen im Straßengraben, werden von Tieren verschluckt, treiben in Flüssen oder im Meer: Die Rede ist von Plastiktüten, von denen jeder Bundesbürger 2015 im Durchschnitt 70 Stück gebraucht hat – und das oft nicht länger als 25 Minuten. Damit diese Zahl sich deutlich verringert, hat die REWE Group den Verzicht auf die Plastiktüte beschlossen und spart damit allein in Deutschland rund 202 Millionen Tüten im Jahr ein.

Am 1. Juni 2016 machte REWE den Anfang und lud zur Pressekonferenz nach Berlin, um den Ausstieg aus der Plastiktüte zu verkünden – und damit ein Zeichen gegen Plastikmüll und für einen bewussteren Konsum zu setzen. „Wenn wir etwas signifikant für unsere Umwelt verändern wollen, müssen wir konsequente Entscheidungen treffen“, sagte Lionel Souque, heutiger Vorstandsvorsitzender der REWE Group. An seiner Seite saßen Bundesumweltministerin Barbara Hendricks und Olaf Tschimpke, der Präsident des Naturschutzbunds Deutschland (NABU).

Der Verzicht auf die lange gewohnte Einkaufshilfe ist eine Maßnahme innerhalb der gruppenweiten Nachhaltigkeitsstrategie und trägt dazu bei, dass weniger Plastikmüll in die Umwelt gelangt. „Uns ist bewusst, dass die Abschaffung der Plastiktüte nur ein erster Schritt zur Reduzierung von Plastikmüll sein kann“, bekannte sich Souque auf dem Podium. Diese konsequente Entscheidung befürwortete Barbara Hendricks auf der REWE-Pressekonferenz: „Die Entscheidung ist begrüßenswert und ein guter Schritt voran. Ich hoffe, das Beispiel macht Schule.“

Olaf Tschimpke betonte: „Die Schlüsselfrage ist, wie wir zu einem nachhaltigen, naturverträglichen Wirtschaften kommen, und da spielt Plastik nun mal eine ganz entscheidende Rolle, weil es ein so dauerhaftes Produkt ist. Uns geht es darum, dass die Menschen lernen, damit umzugehen, und dauerhaft auf wiederverwendbare Tragetaschen umsteigen.“

Entscheidung mit Sogwirkung

Innerhalb der REWE Group hat die Entscheidung der REWE schnell Nachahmer gefunden. PENNY stoppte Anfang 2017 den Verkauf von Plastiktüten und bei den österreichischen Märkten der REWE International AG – BILLA, MERKUR, BIPA und ADEG – hat das Plastiksackerl ebenfalls seit dem ersten Halbjahr 2017 ausgedient. Auch die DER Touristik verzichtet in ihren Reisebüros auf Plastiktüten.

„‚Jute statt Plastik‘ steht als Motto auf meinem Jutebeutel aus den 80er-Jahren. Ich begrüße, dass nach REWE nun auch PENNY auf die Plastiktüte verzichtet und die Nutzung von Mehrwegtaschen fördert. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Das Ziel muss es aber sein, unseren Plastikverbrauch insgesamt zu reduzieren.“


Cem Özdemir
Bundesvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen
  • 140 Millionen Plastiktüten im Jahr vermeidet REWE in Deutschland durch die Plastiktüten-Abschaffung
  • 62 Millionen Plastiktüten spart PENNY in Deutschland durch die Auslistung jährlich
  • 28 Millionen Plastiksackerl pro Jahr werden in Österreich (BILLA, MERKUR, PENNY, BIPA und ADEG) durch alternative Tragetaschen vermieden

Ziehen die Kunden mit?

Die Auslistung der Plastiktüte hat die REWE Group gründlich vorbereitet. Eine dreimonatige Testphase, bei der mehr als 130 Märkte den Verzicht auf Plastiktüten übten, verlief vielversprechend: Ein Großteil der Verbraucher schien bereit für den Umstieg auf alternative Tragebehältnisse.

Dennoch blieb eine gewisse Unsicherheit, denn kein Händler schränkt gern die Entscheidungsfreiheit seiner Kunden ein. Einer, der die Anfangsphase ganz intensiv miterlebt hat, ist REWE-Marktleiter Martin Nientied aus Münster. Er und sein Team überließen bei der Umstellung nichts dem Zufall. Mit Plakaten, Flyern an der Kasse und Informationen über die Alternativen stimmten sie ihre Kunden auf die neue Ära ein. Das Wichtigste für die Akzeptanz sei das persönliche Gespräch, weiß der Marktleiter mit 39 Jahren Erfahrung bei REWE: „Das zentrale Argument sind die Unmengen Plastik in den Meeren und die Frage, wie lange so eine Tüte lebt?“, so Nientied.

REWE-Marktleiter Martin Nientied.

Ein paar Kunden zeigten sich verunsichert, erzählt er, vor allem wenn es regnete: Wie bekomme ich jetzt meine Einkäufe sicher nach Hause? Weicht die Papiertüte nicht auf? Der Marktleiter hat für diese Fälle einen Fragenkatalog für seine Mitarbeiter vorbereitet und spezielle Ansprechpartner im Markt bestimmt, die beraten. „Kritische Kunden sind wertvoll“, sagt Martin Nientied. „Dort, wo wir Rückmeldungen bekommen, kommen wir auch voran.“

Der Großteil seiner Kunden sei gern auf Alternativen umgestiegen: Die zahlreichen Münsteraner Studenten kaufen ohnehin oft mit dem Rucksack ein. Andere bringen nun eine wiederverwertbare Tasche von zu Hause mit. Eilige und Spontane kaufen eine Papiertragetasche oder eine wiederverwertbare Mehrwegtragetasche. Und bei Autofahrern ist der Kassenkarton sehr beliebt.

Der Anfang vom Ende der Plastiktüte

In Münster stand das Plastiktüten-Ende im REWE-Markt am Beginn einer Bewegung für die ganze Stadt: Ein Arbeitskreis aus Kaufleuten, Stadtvertretern, Umweltschützern und Abfallwirtschaftsbetrieben strebt die Einführung einer Mehrweg-Münster-Tüte an. Martin Nientied ist aktiv dabei: „Der Zusammenschluss verschiedener Institutionen ist wichtig, um den Verbrauchern bewusst zu machen, dass hier nicht nur ein Unternehmen etwas für sein Image tut, sondern alle dabei sind und mitgestalten.“ So scheint das Ende der Plastiktüte nur noch eine Frage der Zeit: Laut der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung verringerte sich 2016 der Tütenverbrauch im Vergleich zum Vorjahr um zwei Milliarden Stück auf 3,6 Milliarden Tüten – was einem Pro-Kopf-Konsum von 45 Tüten entspricht. 2015 lag dieser noch bei 68 Tüten im Durchschnitt.

Raus aus den Regalen

Die Auslistung der Plastiktüte war für die REWE Group nur der Anfang. Das Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, unnötige Verpackungen komplett aus seinen Regalen zu verbannen, ohne einen schnelleren Verderb zu riskieren oder gegen gesetzlich notwendige Deklarationen von Produkten zu verstoßen.

Durch den Einsatz der Bananen-Banderole verzichtet PENNY seit März 2017 auf die übliche Folienverpackung für die gelben Südfrüchte. Damit spart das Unternehmen pro Jahr 6,4 Millionen Quadratmeter Plastikfolie ein – so viel, wie man brauchen würde, um knapp 900 Fußballfelder zu bedecken. Außerdem testet die REWE Group das sogenannte Natural Branding. Dabei werden Informationen per Lasertechnik auf die äußersten Schalenschichten aufgetragen, ohne Auswirkungen auf Geschmack, Qualität oder Haltbarkeit. Damit ist Bio-Obst und -Gemüse auch ohne Verpackung eindeutig zu erkennen.

Natural Branding macht Plastikverpackung für viele Obst- und Gemüsesorten überflüssig.

Ansporn durch Ratgeber

Die Entscheidung, Plastiktüten auszulisten, entstand aus dem intensiven Dialog im Rahmen der Kooperation mit dem Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU). Im Gespräch erklärt NABU-Präsident Olaf Tschimpke, worauf es bei der Reduktion von Plastikmüll ankommt.

Der NABU und die REWE Group setzen bereits seit 2009 gemeinsame Projekte um. 2015 haben sie nun eine strategische Partnerschaft geschlossen. Was ist die Rolle des NABU in dieser Partnerschaft?

Der NABU verfolgt das Ziel, gemeinsam mit der REWE-Group dem nachhaltigen Konsum und dem nachhaltigen Wirtschaften in Deutschland neue Impulse zu geben und die Wertschöpfungsketten hinsichtlich Umwelt- und Ressourcenschutz zu verbessern. Im Zusammenspiel des größten Umwelt- und Naturschutzverbands der Bundesrepublik und einem der führenden Lebensmittelhändlern Deutschlands haben wir die Möglichkeit, tausende Verbandsmitglieder und Millionen REWE-Kunden täglich für nachhaltige Themen zu sensibilisieren.

Dabei pflegen die Projektpartner einen offenen, konstruktiven aber auch kritischen Dialog. Der NABU zögert nicht, die REWE Group notfalls öffentlich an ihre Verantwortung für Natur und Umwelt zu erinnern. Gleichzeitig wissen wir, dass Nachhaltigkeit für die REWE-Group mehr als ein Lippenbekenntnis ist: Bei der Entwicklung des Labels „PRO PLANET“ hat das Unternehmen von Anfang an den NABU und weitere Partner einbezogen. Seit 2010 dient das Label Verbrauchern als Orientierungshilfe. Es kennzeichnet Produkte, die die Umwelt und Gesellschaft während ihrer Herstellung, Verarbeitung oder Verwendung deutlich weniger belasten als herkömmlich produzierte.

Neben der Plastiktüte haben der NABU und die REWE Group noch weitere Arbeitsbereiche festgelegt, wie z.B. Wald- und Meeresschutz oder biologische Vielfalt. Welchen Beitrag kann ein Lebensmittelhändler wie die REWE Group hier leisten?

Lassen Sie mich auf das bereits erwähnte PRO PLANET-Label zurückkommen, mit dem u.a. auch nachhaltig erzeugte Äpfel ausgezeichnet werden. Ziel des unternehmenseigenen PRO PLANET-Apfelprojekts ist es, die biologische Vielfalt auf Apfelplantagen zu erhöhen: Seit fünf Jahren leistet die REWE Group zusammen mit dem NABU, der Bodensee-Stiftung und den beteiligten Obstbauern einen wichtigen Beitrag zur Förderung des Artenreichtums in der konventionellen Landwirtschaft. Mittlerweile beteiligen sich weit über 100 Erzeuger in elf Anbauregionen.

Die Abschaffung der Plastiktüte bei REWE hat überwiegend positive Resonanz erzeugt. Wie kam die Maßnahme unter NABU-Mitgliedern an?

Auch von NABU-Mitgliedern kam viel Lob. In einigen Orten haben NABU-Gruppen zusammen mit dem lokalen REWE-Markt die letzte Plastiktüte verabschiedet. Das Lob war aber durchaus mit dem kritischen Hinweis verbunden, dass dies nur ein Anfang sein dürfe. Schließlich ist es absurd, an der Supermarktkasse zwar die Plastiktüte einzusparen, aber dann in Plastik vorverpacktes Obst und Gemüse, Plastik-Einwegflaschen etc. in seinen Rucksack zu packen.

Einige Lebensmittelhändler haben schon nachgezogen. Glauben Sie, dass es bald keine Plastiktüten in deutschen Supermärkten mehr gibt?

Sicherlich wird es auch zukünftig noch Supermärkte und andere Geschäfte geben, die Plastiktüten verkaufen. Unsere Wunschvorstellung ist, dass Einwegtüten – egal ob aus Kunststoff oder Papier – nur noch als Notfall-Option bereit liegen, weil es ganz selbstverständlich ist, dass wir immer eine eigene Tasche oder Tüte dabei haben. Hier gibt es inzwischen ja zahlreiche Alternativen an klein zusammenfaltbaren Taschen. Hier sind aber auch die Kunden gefragt, ihre Routinen anzupassen.

Bei der Ökobilanz schneidet die Plastiktüte z.B. im Vergleich zur Papiertüte gar nicht so schlecht ab. War die Abschaffung trotzdem der richtige Schritt?

Tests der REWE im Vorfeld hatten gezeigt, dass mit der Auslistung der Plastiktüte an der Kasse der Verkauf der Einwegtüten insgesamt um 40 Prozent zurückging. Das war für uns entscheidend, um die Aktion zu unterstützen. Denn es ist ganz wichtig, dass wir nicht nur einfach Kunststoffverpackungen durch Papier oder Pappe ersetzen, sondern Verpackungen wie die Einwegtüte insgesamt vermeiden. Um unsere natürlichen Ressourcen zu schonen, müssen wir Mehrwegsysteme fördern, so auch bei der Tüte.

Die REWE Group arbeitet weiter am Thema Plastik, zum Beispiel läuft gerade eine Testphase zum Natural Branding. Dabei erhält Obst und Gemüse eine Kennzeichnung via Lasergravur, was die Umverpackung spart. Über welche erfolgreiche Maßnahme würden Sie gerne im nächsten REWE Nachhaltigkeitsbericht lesen?

Wir hoffen, dass das Natural Branding ausgeweitet wird. Denn das Potenzial, bei Obst und Gemüse Verpackungsmaterial einzusparen ist noch immer sehr groß. Die Vorverpackungen sind ja materialintensiver als die dünnen Knotenbeutel. Es wäre toll, im nächsten Nachhaltigkeitsbericht von einer „Mehrwegoffensive“ zu lesen: Mehrwegflaschen, Mehrwegnetze für Obst und Gemüse, Mehrweg bei To-Go-Angeboten und Online-Lieferungen. Aber natürlich dürfen wir nicht vergessen, was in den Verpackungen steckt und wünschen uns auch weitere Verbesserungen in der Lieferkette der Lebensmittel.

Seit 2009 berät der NABU mit seinen mehr als 620.000 Mitgliedern und Förderern sowie über 2.000 NABU-Gruppen bundesweit die REWE Group als unabhängige Instanz. Die beiden Partner intensivierten ihre Zusammenarbeit 2015 durch eine langfristig angelegte strategische Partnerschaft.

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