REWE Group-Nachhaltigkeitsbericht 2015/2016
  • Mit Leidenschaft und
    Mut die Branche verändern

Innovationen im Agrarsektor voranzutreiben, das ist die Aufgabe von Dr. Ludger Breloh in der REWE Group. Acht Jahre lang leitete der Agrar-Ökonom den Bereich Grüne Produkte und war damit verantwortlich für den Ausbau der nachhaltigeren Sortimente bei der REWE Group. Seit letztem Jahr verantwortet er den neu gegründeten Bereich Strategie und Innovationen im Agrarsektor. Dieser Bereich ist federführend, wenn es darum geht, Innovationen aufzuspüren, diese gegebenenfalls weiterzuentwickeln und in die Praxis zu bringen, um auf diese Art und Weise die Produktion von Lebensmitteln nachhaltiger zu gestalten.

Herr Breloh, warum beschäftigt sich ein Handelsunternehmen wie die REWE Group mit Innovationen im Agrarsektor?

Wir bei der REWE Group möchten unsere Lieferketten verändern und damit einen Nachhaltigkeitsmehrwert schaffen. Wir haben festgestellt, egal ob es sich um soziale und/oder ökologische Veränderungsnotwendigkeiten in den Lieferketten handelt, dass wir in der Regel im Agrarsektor ansetzen müssen. Natürlich können auch in nachgelagerten Bereichen Verbesserungen durchgeführt werden, aber betrachtet man den gesamten Lebenszyklus aller Lebensmittel, dann liegen die Herausforderungen in der Regel im Anbau bzw. der Produktion von Rohstoffen. Das gilt für eine Vielzahl von agrarischen Rohstoffen wie für Kakao, für Kaffee und für Palmöl, aber insbesondere für die Haltungs- und Managementsysteme von Nutztieren. Dabei geht es beispielsweise um die zentralen Fragen: Wie steht es um das Tierwohl? Wie werden die Tiere gefüttert?

Hier habe ich für uns den Arbeitsschwerpunkt gelegt, denn im Bereich der nutztierbasierten Lebensmittel, wie bei Milch- und Molkereiprodukten, Fleisch- und Wurstwaren sowie Eiern und allem, was daraus hergestellt wird, haben wir in der REWE Group einen sehr hohen Eigenmarkenanteil.

45 Millionen

Ein wesentliches Problem der Legehennenhaltung liegt in der Tatsache begründet, dass allein in Deutschland jährlich mehr als 45 Millionen männliche Eintagsküken getötet werden, da diese keinen wirtschaftlichen Nutzen haben. Dieses Problem möchten wir mit dem SELEGGT-Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Brutei lösen.

Was ist die Aufgabe der Abteilung Strategie und Innovationen im Agrarsektor?

Wir sind ein Kompetenzpool, der federführend die Aufgabe hat, Maßnahmen zu entwickeln und bereits existierende zu bewerten, welche geeignet sind, die Lieferketten der Lebensmittelproduktion nachhaltiger zu gestalten. Das heißt, wir widmen uns bewusst auch solchen Maßnahmen, die vielleicht noch gar nicht spruchreif sind, weil sie zum Beispiel in einem frühen wissenschaftlichen Stadium sind. Wir sind also eine Art Think-tank im Vorfeld der eigentlichen Abteilung Nachhaltigkeit Ware, die letztendlich entscheidet, welche der von uns entwickelten bzw. vorgeschlagenen Maßnahmen umgesetzt werden.

Wie gehen Sie vor, um Innovationen aufzuspüren?

Aus meiner langen Berufserfahrung heraus weiß ich, wo sich in unseren Lieferketten Hot Spots – also soziale und/oder ökologische Gefahrenpunkte – befinden und an welchen Themenfeldern in der privatwirtschaftlichen wie auch in der universitären Forschung gearbeitet wird. Meine Aufgabe besteht darin, zu validieren, ob und gegebenenfalls welche Forschungsansätze existieren, die eine aussichtsreiche Chance haben, um Maßnahmen und Innovationen hervorzubringen, die zu einem späteren Zeitpunkt einen Nachhaltigkeitsmehrwert in kritischen Lieferketten implizieren. Deshalb stehe ich mit sehr vielen Universitäten und Forschern in Kontakt. Wir versuchen, entweder selbst zu entwickeln oder bestehende Innovationsansätze, die bisher noch nicht zur Marktreife gekommen sind, aufzuspüren. Oder wir versuchen, Grundlagenforschung in ein Praxismodell zu bringen – wie wir es beispielsweise mit dem SELEGGT-Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Brutei tun.

In der Legehennenhaltung ist es gängig, männliche Küken kurz nach dem Schlüpfen zu töten. Hier setzen Sie mit einem Verfahren zur Bestimmung des Geschlechts im Brutei an. Wie kam es dazu?

In Deutschland werden jährlich etwa 45 Millionen männliche Küken getötet, weil die Tiere keinen wirtschaftlichen Nutzen haben – sie legen keine Eier und sind auch nicht zur Mast geeignet, da ihre Genetik nicht auf Mastleistung, sondern auf Legeleistung der weiblichen Hennen ausgerichtet ist. Dafür muss es eine Lösung geben. Wenn wir das Problem des Kükentötens in Gänze und im großen Stil lösen wollen, ist es ein praktikabler Ansatz, noch im Brutei das Geschlecht zu bestimmen. Wir haben uns daher mit der Forschung zu Verfahren der Geschlechtsbestimmung im Brutei beschäftigt. Auf diesem Gebiet ist u.a. Frau Professor Einspanier von der Universität Leipzig zu nennen, die ein Verfahren entwickelt hat, wie man am neunten Bruttag das Geschlecht in einem Brutei bestimmen kann. Das ist möglich, weil sich zu dem Zeitpunkt bereits erste geschlechtsspezifische Hormone im Brutei ausgebildet haben. Im Rahmen der endokrinologischen Geschlechtsbestimmung wird mit einer Injektionsnadel ein kleiner Tropfen Flüssigkeit aus dem Ei entnommen und mit einem neu entwickelten Marker außerhalb des Bruteies zusammengeführt. Der Marker zeigt dann anhand einer Farbreaktion, welches Geschlecht das Küken im Ei haben wird. Auf diese Art und Weise lässt sich mit einer etwa 98-prozentigen Sicherheit das Geschlecht bestimmen. Bruteier, die im Rahmen des SELEGGT-Verfahrens ein weibliches Küken ausbilden, kommen unmittelbar nach dem Analyseprozess wieder in den Brutschrank und werden ausgebrütet. Die männlichen Bruteier können nun aussortiert und zu einem hochwertigen Eiweißfuttermittel weiterverarbeitet werden. So kann mithilfe des SELEGGT-Verfahrens das Töten der männlichen Eintagsküken vermieden werden.

Wie entstand daraus das Joint Venture SELEGGT?

Wir haben uns das Ziel gesetzt, die Grundlagenforschung von Frau Professor Einspanier zu einer praxistauglichen Lösung weiterzuentwickeln. So etwas kann eine Universität nicht alleine leisten, dazu braucht es Unternehmen, die sowohl die ökonomischen als auch organisatorischen Ressourcen haben, um aus der Grundlagenforschung ein praxistaugliches Geschäftsmodell zu entwickeln. Aus diesem Grunde haben wir gemeinsam mit einem niederländischen Technologieunternehmen ein Joint Venture namens SELEGGT GmbH gegründet. Es hat schon etwas Visionäres, wenn ein Handelsunternehmen eine innovative Verfahrenstechnik entwickelt, um diese in die Praxis zu bringen. Damit können wir zu einem echten Paradigmen- und Strategiewechsel in der Eiererzeugung beitragen. Das SELEGGT-Verfahren wird sicherlich so zeitnah als möglich in den Lieferketten der REWE Group getestet und Einzug halten. Sollte sich das Verfahren bewähren, so steht diese Technologie zukünftig der gesamten Branche zur Verfügung, denn wir möchten dem Kükentöten innerhalb des gesamten Sektors ein Ende setzen.

Wann wird es die ersten Eier im Handel geben, für deren Herstellung das Geschlecht der Legehennen mit dem SELEGGT-Verfahren bestimmt wurde?

Wir haben im Juli 2017 unseren Prototypen 1.0 vorgestellt, der mit einer Genauigkeit von etwa 97 Prozent das Geschlecht bestimmen kann. Aber er ist langsam und wir brauchen mittelfristig Technologien, mit denen wir sehr schnell hohe Kapazitäten von Eiern bestimmen können. Unseren Verfahrensansatz werden wir nun verbessern. Wir haben einen zweiten, schnelleren Prototyp entwickelt, den wir bis Ende 2017 in einem Stresstest prüfen werden. Wir sind also auf dem Weg. Mein Anspruch ist es, bis Ende 2018 unser Verfahren zur Marktreife zu bringen, sodass wir ab 2019 erste mit dem SELEGGT-Verfahren gesexte Legehennen haben, bei deren Schlupf keine männlichen Küken mehr getötet werden müssen. So können wir voraussichtlich ab Mitte 2019 die ersten Frischeier dieser Hennen in unsere Märkte bringen.

Für die REWE Group gehört es zum Nachhaltigkeitsverständnis, u.a. neue Standards und Verfahren zu entwickeln, um diese der gesamten Branche zugänglich zu machen, wie z.B. der von uns mitentwickelte Zertifizierungsprozess für Haselnüsse. Gemeinsam mit UTZ Certified in Holland entwickelte die REWE Group ein Nachhaltigkeitszertifizierungssystem für den Haselnussanbau. Heute können alle Marktteilnehmer UTZ-zertifizierte Haselnüsse einkaufen. Auch das Verfahren zur Geschlechtsbestimmung soll möglichst vielen Anwendern zugänglich gemacht werden.

Sie gehen auch weniger bekannte Herausforderungen in der Geflügelhaltung an. Welche sind das?

Durch die hohe Nachfrage nach Eiern und Geflügelfleisch wird eine enorme Anzahl an Eintagsküken – entweder als spätere Legehennen für die Eierproduktion oder als Masthähnchen – benötigt. In den Brütereien schlüpfen die Küken nach ca. 21 bis 22 Tagen. Es gibt jedoch ein Zeitintervall von etwa 30 Stunden, das sogenannte Schlupffenster: So lange kann es vom ersten geschlüpften Küken bis zum letzten dauern, denn die Eier stammen von ganz unterschiedlichen Hühnern und starten mit unterschiedlichen Voraussetzungen in die Brut. Das bedeutet also, dass Küken bis zu 30 Stunden im Brutschrank warten müssen, bis dieser geöffnet wird und die Tiere anschließend zu einem Bauernhof transportiert werden. Bis sie das erste Mal Wasser und Futter bekommen, vergeht somit ein längerer Zeitraum. Manche Tiere sind zu diesem Zeitpunkt bereits dehydriert und haben teilweise mehr als 10 Prozent Gewicht verloren – wobei ein Küken nicht einmal 50 Gramm wiegt. Sie starten also teilweise geschwächt und wenig vital.

Hier ermöglicht das Verfahren eines „early feeding“ u.a. bessere Bedingungen im Brutprozess?

Genau, denn wir wollten eine Lösung, um die erstgeschlüpften Küken nicht 30 Stunden lang diesem Stress auszusetzen und ihr Wohl zu riskieren. “Early feeding“-Verfahren machen es möglich, den Tieren direkt im Brutschrank frisches Wasser und Futter anzubieten. Damit starten alle Tiere mit demselben Entwicklungsstand in ihre Aufzucht und sind bei Ankunft auf den landwirtschaftlichen Betrieben vitaler und widerstandsfähiger.

Die positiven Effekte eines „early feeding“ wurden u.a. durch vielfältige wissenschaftliche Studien der Universität Wageningen in den Niederlanden mehrfach untermauert.

Diese Ergebnisse waren ausschlaggebend, dass bereits Anfang 2017 eine erste Brüterei in Sachsen-Anhalt auf das „early feeding“-Verfahren umgestellt wurde; eine zweite, neu gebaute Brüterei ging dann im Sommer 2017 in NRW mit dem „early feeding“-Verfahren an den Start. Auf diese Art und Weise sind nunmehr die Voraussetzungen geschaffen, dass die Bedarfe an Eintagsküken der REWE Group sukzessive auf das neue Brutverfahren umgestellt werden.

Seit dem Frühjahr 2017 schlüpfen die ersten Küken und wir haben sehr gute Erfahrungen mit der frühzeitigen Fütterung gemacht. Die Küken werden ab der ersten Lebensstunde ausreichend mit Wasser und Futter versorgt. Sie sind vitaler und zeigen sehr gute biologische Leistungsdaten. Das bestätigen uns die Landwirte, mit denen wir zusammenarbeiten und die gar keine anderen Küken mehr haben wollen. Und das zeigt sich auch daran, dass die Mortalität der „early feeding“-Küken abgenommen hat. Eine geringe Mortalität bedeutet, dass wir vieles richtig gemacht haben. Jetzt setzt die REWE Group alles daran, dass ab 2018 für die Hähnchenmast primär Eintagsküken aus Brütereien bezogen werden, die mit dem „early feeding“-Verfahren arbeiten.

REWE und PENNY sind die ersten Nutzer des „early feeding“-Brutverfahrens. Sechs wesentliche Faktoren verbessern das Tierwohl und die Lebensumstände von Eintagsküken.

Sie haben sich Ihren Projekten mit Leib und Seele verschrieben. Woher kommt dieses Feuer?

Ich bin auf einem landwirtschaftlichen Betrieb groß geworden und auch heute noch ein passionierter Landwirt. Meine Leidenschaft galt immer den Nutztieren. Es war mir immer ein wesentliches Anliegen, dass Haltungs- und Managementsysteme der Nutztiere zunehmend den gesellschaftlichen Ansprüchen entsprechen müssen. Ich habe immer mit viel Freude und Interesse Augen und Ohren offen gehalten, um Marktveränderungen wie auch Innovationen zu beobachten und inhaltlich zu begleiten.

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