• Vom Leuchtturm
    zum Standard

Nachhaltigere Gebäude sind besser für Umwelt und Menschen – doch zunächst bedeuten sie Aufwand. Mit ihrem Green Building-Konzept hat die REWE Group eine Blaupause für nachhaltigere Supermärkte entwickelt. Nach erfolgreicher Pionierarbeit arbeitet das Unternehmen nun an der Umsetzung in der Fläche.

Am liebsten ist sie in der Obst- und Gemüseabteilung. Andrea Flammuth, selbstständige Kauffrau des REWE-Marktes in Köln-Lövenich, schaut nach oben: Von dort fällt Tageslicht auf ihre Lieblingsfrüchte – durch das für einen Supermarkt ungewöhnliche Fensterband. Die Kauffrau arbeitete viele Jahre lang im Management der REWE Group, bevor sie sich 2013 selbstständig machen wollte. Als sie hörte, dass in Köln ein Supermarkt nach dem „REWE Green Building-Konzept“ entstehen soll, bewarb sie sich begeistert für den Standort. Seither erlebt Andrea Flammuth täglich, wie positiv das Gebäude auf Kunden und Mitarbeiter wirkt: „Der Markt strahlt mit seinen hohen Decken und großen Fensterflächen Freiheit und Großzügigkeit aus“, sagt sie.

Dabei beeinflussen Gebäude nicht nur das Wohlbefinden ihrer Nutzer, sondern vor allem auch Umwelt und Klima. Üblicherweise werden für ihren Bau Rohstoffe und Materialien benötigt, die oft wenig umweltfreundlich in ihrer Herstellung und Entsorgung sind. Global gesehen verursacht der Immobiliensektor fast 40 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen.

Ein Standard macht Nachhaltigkeit messbar

Im Jahr 2008 fasste die REWE Group den Entschluss, ein Green Building-Gesamtkonzept zu erstellen. So sollte eine neue Supermarkt-Generation entstehen, die den Anspruch der REWE Group für Konsumenten und Mitarbeiter erlebbar macht: Nachhaltigere Sortimente findet man heute in nachhaltigeren Supermarkt-Gebäuden. Doch was macht ein nachhaltigeres Gebäude aus? Die Immobilienwirtschaft hat dafür Tools und Standards entwickelt. Die im deutschsprachigen Raum anerkannteste Zertifizierung ist die der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e.V. (DGNB). Das Gütesiegel bewertet verschiedene Qualitäten eines Gebäudes. Dazu gehören neben ökologischen Aspekten auch der Ablauf des Bauprozesses und soziokulturelle Faktoren des Wohlbefindens, wie z.B. der visuelle Komfort, die Raumluft, die Fahrradstellplätze oder die Kundentoiletten. Diese bieten gerade für ältere, bewegungseingeschränkte Menschen einen nicht selbstverständlichen Komfort und die dort vorhandenen Wickelplätze erleichtern Eltern das Einkaufen.

Der erste klimaneutrale Supermarkt der Welt

Bei nachhaltigen Gebäuden amortisieren die geringen Unterhaltskosten den Mehraufwand beim Bau meist innerhalb weniger Jahre. Diese Argumentation für Nachhaltigkeit hilft, Investoren und Vermieter zu überzeugen. Das ist wichtig, denn von diesen ist die REWE Group bei jeder Baumaßnahme abhängig. Im Jahr 2009 konnte das Handelsunternehmen den weltweit ersten klimaneutralen Green Building-Supermarkt in Berlin-Rudow eröffnen. Das Gebäude erhielt das Gold-Zertifikat der DGNB.

Nachhaltigkeit zum Standard machen

REWE wurde als Pionier bei der Realisierung nachhaltiger Handelsbauten mehrfach ausgezeichnet, unter anderem als „Store of the year 2010“ durch den Handelsverband Deutschland (HDE) und 2012 für eines der weltweit besten 100 Nachhaltigkeitskonzepte durch die Vereinten Nationen (UNCSD). Im selben Jahr erhielt die REWE Green Building-Baubeschreibung für ihre Multiplizierbarkeit und Anpassungsfähigkeit an verschiedene Standorte das Mehrfachzertifikat der DGNB. Dadurch sind REWE Green Buildings heute schnell, einfach und kostenneutral zertifizierbar. Auch toom Baumarkt arbeitet daran, ein Mehrfachzertifikat für seine Baubeschreibung zu erhalten.

Damit ist der Weg frei, nachhaltige Gebäude von der Nische in die Fläche zu bringen. Inzwischen können Konsumenten mehr als 30 REWE-Märkte, vier toom Baumärkte und seit 2014 einen PENNY-Markt besuchen, die nach DGNB-Standard zertifiziert sind. Damit hat die REWE Group deutschlandweit sowohl den ersten Baumarkt als auch den ersten Discounter nach DGNB zertifiziert. Über 60 weitere Standorte sind in Planung. Auch ein Lager in Neu-Isenburg entspricht bereits dem Green Building-Standard. Wenn die Voraussetzungen vorhanden sind, will die REWE Group grundsätzlich nur noch Green Buildings realisieren. In vielen bestehenden Gebäuden hat das Handelsunternehmen bereits die „inneren Werte“ des Konzepts, wie effiziente Beleuchtung und Kühlung, integriert. Für alle Bau- und Sanierungsprojekte gilt das zentrale Ziel: Emissionen reduzieren und Ressourcen schonen.

Außenstützen aus Holz sind das sichtbarste Erkennungsmerkmal vieler Green Building-Märkte

Freundliche Einkaufsatmosphäre durch Holz und Licht

Kein REWE Green Building ist wie das andere, und doch basieren sie auf einem Gesamtkonzept: „Schon von Weitem sieht man, dass die Architektur etwas Besonderes ist“, sagt die Kölner Kauffrau Andrea Flammuth. Das Wiedererkennungsmerkmal der grünen Märkte sind unter anderem sichtbare Holzdachbinder und Holzaußenstützen, deren Holz aus zertifizierter und nachhaltiger Forstwirtschaft stammt. Kein anderer Rohstoff verkörpert das Prinzip der Nachhaltigkeit besser. Er wächst schnell nach, bindet CO2, ist wiederverwertbar und hierzulande gut verfügbar. Teilbereiche der Außenwände und in einigen Projekten auch die Dachschale sind aus Holzrahmenelementen gefertigt. Die Wärmedämmung erfolgt in diesen Elementen durch eine Zellulosedämmung, die aus Altpapier hergestellt wird. Wer eintritt, taucht in eine mit Tageslicht geflutete Markthalle. Durch ein umlaufendes Fensterband und mehrere Lichtkuppeln im Dach scheint natürliches Licht in den Verkaufsraum. Rollos sorgen für Blendfreiheit und schützen empfindliche Waren vor direktem Sonnenlicht. „Aufgrund dieser freundlichen Atmosphäre fühlen sich Kunden und Mitarbeiter wohl“, so Flammuth. Braucht der Markt zusätzliches Licht, leisten die Photovoltaik-Anlagen auf dem Dach einen Beitrag zur eigenen Stromversorgung.

Heiß und kalt: CO2 als natürliches Kältemittel

Viele frische Waren mögen es kühl – und das erfordert eine Menge Energie. Ein REWE Green Building verhindert, dass Kälte verloren geht, indem alle Wandkühlregale und Tiefkühlmöbel mit Glastüren und Energiesparlüftern ausgestattet sind. Zudem kommt in Möbeln, Kühlräumen, Theken und der Wärmepumpe ausschließlich das klimafreundliche Kältemittel CO2 zum Einsatz. Ein 4.000 Liter großer Pufferspeicher gewinnt die Abwärme der Kälteanlagen für die Raumheizung zurück.

Mit Regen gegen Wasserverschwendung

Das Gebäude gewinnt natürliches Regenwasser von der Dachfläche und leitet es in eine Zisterne mit 6.000 Liter Volumen. Im toom Green Building Nieder-Olm sind es sogar 25.000 Liter Wasser, die für die Bewässerung des 3.000 Quadratmeter großen Gartenbereichs und der Kundentoilette genutzt werden.

Gut gelaunte Mitarbeiter bringen Kunden in die Filiale

Das Ergebnis der Nachhaltigkeitsmaßnahmen: Die Technologien reduzieren den Primärenergiebedarf gegenüber dem bisherigen Standardmarkt um bis zu 40 Prozent. Die erneuerbaren Energien erzeugen etwa 40 Prozent des Bedarfs des Standorts selbst. Zusammen mit dem zusätzlich bezogenen Grünstrom wird ein Green Building weitgehend CO2-neutral betrieben.

Von all dem bekommen Kunden und Mitarbeiter nur einen Bruchteil mit. Doch auch für sie ist ein Green Building kein Standardmarkt. „Unsere Mitarbeiter sind stolz, hier zu arbeiten“, stellt Andrea Flammuth fest. Sie bekommen positives Feedback der Kunden. Denn heute sind es nicht nur die Artikel, die die Menschen in die Läden bringen – alles ist jederzeit über das Internet verfügbar. Umso wichtiger wird im stationären Handel die Atmosphäre, die freundliche und gut gelaunte Mitarbeiter den Kunden bieten. „Läden zum Wohlfühlen“, nennt Andrea Flammuth das.